Warum Österreich nicht das nächste Silicon Valley wird

Oder: Auf dem Weg zu Silicon Alps

Ein unauffälliger Landstrich zwischen zwei Gewässern, entlang einer vielspurigen Autobahn, ist die moderne Traumfabrik. Silicon Valley hat längst Hollywood abgelöst, wer heute von Berühmtheit und Erfolg träumt, hat Mark Zuckerberg, Elon Musk oder Steve Jobs vor Augen. Visionäre und begnadete Unternehmer, die dank der Entwicklung der Informationstechnologie reich und berühmt wurden.

Warum keine Österreicherin, kein Österreicher? Fehlt es an Talent? Unternehmergeist? Vorbildern? An allem ein wenig und doch auch wieder nicht. Die Stars unter den IT Unternehmern von morgen sind schon geboren und kommen auch aus Österreich. Und dazu braucht es nichteinmal ein „Silicon Valley“ Österreichischen Zuschnitts. Aber zuerst zurück zum Anfang.

Startups sind eine spezielle Form des Unternehmertums

Wenn es als Unternehmer darum geht seinen Lebensunterhalt zu verdienen und einige MitarbeiterInnen zahlen zu können, meistens im Dienstleistungsbereich aber auch in der Produktentwicklung, dann ist Österreich schon jetzt voll mit IT Entrepreneuren. Eine dichte KMU Landschaft mit lokalen Kunden ist Status Quo. Auch gibt es schon einige internationale Stars, Leuchttürme, wie Altova oder Automic (früher UC4), die ganz im Stillen erfolgreiche Unternehmen aufgebaut haben.

Was sich in den letzten Jahren entwickelt hat, ist eine Form der IT Startups internationalen Zuschnitts. Diese Unternehmen versuchen nicht nur einen Business Plan umzusetzen, sondern suchen nach einem nachhaltig, skalierbaren Businessmodell, also entweder einem neuartigen Produkt oder einem neuen Prozess, der sich überdurchschnittlich schnell skalieren lässt. Also genau jene Modelle die Mark Zuckerberg & Co. bekannt und berühmt gemacht haben. Diese Form des Unternehmertums braucht andere Kompetenzen und Erfahrungen.

Internationalität von Beginn an, schnelle, iterative Produktentwicklung um den so genannten „Product-Market-Fit“ zu finden (jene Nachfrage die Skalierung ermöglicht) und der Umgang mit Investoren gehören zu einigen der wichtigsten Merkmale. Startups sind also eine andere Form von Unternehmen, brauchen daher eine andere Art von Entrepreneur.
Diese Unternehmer, die bereit sind einen solchen Weg zu gehen, sind in Österreich noch rar. Es fehlen die Erfahrungen, die Rollenbilder und die Grundlagen. Alles eine Frage der Zeit, denn auch im Silicon Valley liegen die Grundlagen dieser „Industrie“ weit in der Vergangenheit. 1969 machten sich zwei ehemalige Intel Mitarbeiter auf, einen neuen Chip-Hersteller zu gründen: AMD. Mit der Unterstützung und der Finanzierung des Intel Gründers Robert Noyce wollten die beiden Gründer die wachsende Nachfrage nach Mikroprozessoren befriedigen. Ihr Erfolg ist Legende und führte zu einer Haltung, die das Neue, die Innovation, die Gründung als festen Bestandteil der Firmenkultur und Gesellschaft etablierte.

Bestärkt durch ihre Erfahrung und den finanziellen Erfolg, gründeten die ersten Mitarbeiter der Chiphersteller auch die ersten Venture Capital unternehmen, jene Risikokapitalgeber die ganz wesentlich für dieses Ökosystems sind. Wer auf der Suche nach eine stark skalierenden Geschäftsmodell ist, schafft das nicht ausschliesslich mit Erspartem, sondern benötigt ausreichend Kapital.

Europa und Österreich brauchen eine eigene Haltung zu Unternehmertum

Wenn wir also fast 50 Jahre Geschichte im Silicon Valley in nur 5 Jahren nachvollziehen wollten, bräuchten wir wohl eine Zeitmaschine und eine fundamentale Veränderung im Markt (zB Einführung des Computers) die als Trägerwelle dienen kann. Nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich. Was also tun? Aufgeben? Nicht nötig. Es braucht nur eine neue Haltung zu Unternehmertum und Gründung.

Golden Gate Bridge

Dazu braucht es neue UnternehmerInnen, die ihr Vorhaben von Beginn an international ausrichten, aus dem reichen Erfahrungsschatz anderer Unternehmer schöpfen und die mittlerweile reichlich vorhandenen Best Practices nutzen. Durch Bewegungen wie „Lean Startup“, die iterative Ideenfindung und Businessplanung mit allen dazugehörigen Werkzeugen als Rahmen bieten, wird Unternehmensgründung gerade für Startups entzaubert und wird methodisch nachvollziehbar. Denn gründen ist keine Hexerei, auch wenn eine Portion Glück nie schadet.

Solche GründerInnen gibt es bereits in Österreich. Doch es braucht noch mehr. Haltungen verändern sich über Vorbilder, „Role Models“, die Einzelne ermutigen, andere Wege zu gehen. So hat Dietrich Mateschitz und Red Bull sicher mehr Menschen in Österreich zu Unternehmern gemacht als jedes Wirtschaftsförderungsprogramm. Es müssen also auch die erfolgreichen IT Unternehmer vor den Vorhang treten und damit andere inspirieren.

Auch eine solide Entrepreneurship Ausbildung an der Universität schadet nicht. Auch wenn jene die sich eine solche Ausbildung als Spezialisierung wählen wohl schon grundsätzlich eine Unternehmensgründung in Betracht ziehen, hilft die Auseinandersetzung mit Methoden und Werkzeugen der Erfolgsquote und damit zu mehr erfolgreichen UnternehmerInnen.

Blieben noch zwei Probleme: zum Einen fehlt es chronisch an technischen GründerInnen. Während viele der grössten amerikanischen IT Unternehmen von technischen Gründern, oft direkt aus der Universität, gegründet wurden, gehört das Berufsbild des Entrepreneurs bei heimischen Physikern, Software Entwicklern oder Mathematikern noch nicht zum Alltag. Dabei sind bewusst nicht jene gemeint, die sich oft bereits neben dem Studium „selbstständig machen“ um mit eigenem Gewerbeschein erst recht für ein Unternehmen zu arbeiten, sondern jene die tatsächlich ein skalierbares Unternehmen aufbauen wollen.

In vielen Gründungsteams fehlen daher die technischen Kompetenzen und müssen entweder teuer eingekauft werden oder von den Gründern selbst aufgebaut werden. Dabei ist gerade das eine Stärke im internationalen Vergleich: Österreich und Europa verfügt über ausgezeichnetes technisches Talent und hervorragende Ausbildung. Wir können vielleicht nicht jene 50 Jahre Historie des Silicon Valley aufweisen, sind aber ohne Weiteres konkurrenzfähig wenn es um Innovationsfähigkeit und technische Problemlösung geht. Kopf schlägt Kapital.

Womit auch der zweite wichtige und leider problematische Faktor genannt wäre: Risikokapital. Nach erfolgversprechenden Ausmassen rund um das Millenium, ist das vorhandene Risikokapital in der Region auf ein beschämend niedriges Niveau zurückgegangen. Die meisten Venture Capital Fonds in Österreich haben kein Investmentkapital oder existieren de facto nicht mehr. Damit fehlt aber eine wichtige Zutat für ein erfolgreiches Ökosystem, denn um ein funktionierendes Geschäftsmodell in der Realität zu etablieren, braucht es Risikokapital. Ohne Investment, keine Entrepreneure.

Obwohl die öffentliche Förderlandschaft in Österreich Einiges zu bieten hat und vielen Unternehmern die Gründung erleichtert, hat diese Form der Finanzierung Tücken und Lücken. Lange Entscheidungszyklen und oftmals rigide Projektvorgaben, die eine rasche Veränderung wie Startups sie benötigen, nicht ermöglichen, sind nur zwei der Nachteile. Die Definition von Innovation als Förderbedingung ist aus Sicht der öffentlichen Hand nachvollziehbar, hilft aber bei der Schaffung von Role Models nicht. Denn auch ein Startup mit wenig technischer Innovation, kann erfolgreiche Unternehmer hervorbringen. Zum Glück entwickelt sich eine kleine, aber feine Szene erfahrener Unternehmer, die als Business Angels ihr Geld und ihre Erfahrungen weitergeben, anstatt in Immobilien oder Aktien zu investieren.

Wir stehen am Anfang einer spannenden Epoche

Warum das alles relevant ist? Weil es genau jene UnternehmerInnen sein werden, die in den nächsten Jahrzehnten die Gestalt der Welt wie wir sie kennen, entscheidend beeinnflussen werden. Mark Andreesen, einst Netscape Gründer und jetzt angesehener Risikokapitalgeber, sagte richtigerweise: „Software eats the World“. Die Veränderung die durch Digitalisierung in allen Bereichen unseres Lebens stattfinden, stehen erst am Beginn.

eCommerce wird weite Bereiche des Handels noch dramatischer verändern als bereits geschehen, Medien stehen vor einem substantiellen Wandel, inklusive neuen Geschäftsmodellen, Mobilität wird sich ebenfalls radikal wandeln und die vielen Möglichkeiten neuer Hardware, egal ob am Körper (Wearables), in den eigenen vier Wänden (Home Automation) oder in der Luft (Dronen), sind noch gar nicht vorstellbar. Vielleicht heben wir in 10 Jahren tatsächlich am Bitcoinautomat unsere neue Weltwährung ab, wer weiss?

In dieser Welt als kreativer Unternehmer schöpferisch tätig zu sein, ist eine der spannendsten Herausforderungen unserer Zeit. Mit ein wenig Mut zum Risiko, den richtigen Methoden, internationaler Ausrichtung, erfahrenen Unterstützern und Risikokapital lassen sich Ideen entwickeln, die die Welt verändern. Oder wie Steve Jobs sagte: „We’re here to put a dent in the universe.”

This post appeared first in OCG Journal.

 

0 replies

Leave your condolences below

Leave a Reply

Your email address will not be published.